Ursachen von Plastikmüll bekämpfen

KALDEWEI, Ahlen, im Oktober 2019. – Kaldewei unterstützt die wichtige Arbeit des WWF für den Meeresschutz. Die Kooperation soll das Abfallmanagement in Südostasien verbessern. Ohne geregelte Abfallentsorgung wird dort Restmüll häufig ungeordnet gelagert und gelangt aufgrund der regelmäßigen Überschwemmungen in Flussgebieten in großen Mengen ins Meer. Der Kampf gegen Plastikmüll startete 2018 mit einem Modellprojekt in der vietnamesischen Provinzhauptstadt Tan An im Mekongdelta. Verantwortet wird das Projekt von Dr. Bernhard Bauske, Projektkoordinator Meeresmüll beim WWF. Im Interview beantwortet der Meeresmüll-Experte Fragen zum Stand des Projekts, zu den Fortschritten vor Ort und den Herausforderungen, die es noch zu meistern gilt.

Herr Dr. Bauske, wie schätzen Sie das Problem von Plastikmüll weltweit ein?
Plastik wird in großen Mengen produziert, ist biologisch nicht abbaubar und gelangt zu großen Teil unkontrolliert in die Umwelt. Allein vom Verpackungsmüll werden, global betrachtet, 32 Prozent in die offene Umwelt entlassen, also auch in Flüsse und Meere. Jede Minute gelangt die Menge eines Lastwagens Plastikmüll ins Meer. Dort liegen mittlerweile geschätzt zwischen 80 und 120 Millionen Tonnen herum. Das geht am Ökosystem Meer und vor allem an der Tierwelt nicht spurlos vorbei: Meeresvögel, Wale, Seeschildkröten oder Fische nehmen Plastikmüll auf und werden dadurch beeinträchtigt, viele Tiere sterben auch daran. Etwa 800 Tierarten werden durch Plastikmüll im Meer geschädigt. Die Plastikproduktion nimmt weltweit um etwa 5 Prozent pro Jahr zu, und nur wenn die Entsorgung der Abfälle schnell deutlich besser organisiert wird, kann diesem globalen Umweltproblem Einhalt geboten werden. Plastik darf nicht in die Umwelt gelangen!

Warum wurde das Mekongdelta in Vietnam für dieses Pilotprojekt ausgewählt?
Vietnam zählt zu den fünf Hauptländern, die zum weltweiten Eintrag von Plastik in unsere Ozeane beitragen. Die Gründe hierfür liegen in fehlenden oder mangelhaften Abfallsammel-, Wiederverwertungs- und Entsorgungssystemen. Zudem ist ein Bewusstsein der vietnamesischen Gesellschaft für die Umweltwirkung von Plastikmüll kaum vorhanden. Etwa 80 Prozent des Eintrags von Plastik in die marinen Ökosysteme lässt sich auf unzureichende Abfallwirtschaftskonzepte auf dem Festland zurückführen. Nur 14 Prozent des Plastikmülls in Vietnam werden recycelt, der Rest landet auf Müllhalden oder ohne Behandlung direkt in der Umwelt und schließlich über die zahlreichen Flüsse Vietnams häufig im Meer. Der Mekong im Süden Vietnams übernimmt dabei eine Schlüsselrolle, denn der mächtige Strom gehört weltweit zu den elf Flüssen, die am meisten Plastikmüll ins Meer eintragen.

Gab es schon vorher Kontakte des WWF in die Region?
Die Wahl des Pilotvorhabens fiel bereits im Jahr 2017 auf die Provinz Long An, weil der WWF dort bereits seit mehreren Jahren Naturschutzprojekte umsetzt. Durch die Unterstützung von Kaldewei konnte der WWF schnell beginnen, Maßnahmen zur Reduzierung des Eintrags von Plastikmüll zu entwickeln und gemeinsam mit dem WWF Vietnam pilothaft zu implementieren. Das hat uns sehr geholfen.  

Wie wird das Modellprojekt in Tan An genau durchgeführt?
Bisher wird der Müll in ländlichen Regionen der Provinz nur zu geringen Teilen erfasst. In den Siedlungsgebieten wird der Müll zwar eingesammelt, aber auf wilden Deponien abgekippt. Dort besteht die Gefahr, dass Teile des Plastikmülls auf diesen Deponien bei Überflutungen im Mekongdelta in den Fluss und dann ins Meer gespült werden. Das möchten wir beenden, indem alle verwertbaren Bestandteile des Mülls heraussortiert werden und der deutlich kleinere verbleibende Teil des Restmülls geordnet entsorgt wird. Dazu wird die lokale Regierung der Provinz Long An dabei unterstützt, ein verbessertes Abfallmanagementkonzept zu entwickeln. Dies bedeutet vor allem, den Müll schon bei den Haushalten getrennt zu erfassen und die Verwertung zu organisieren. Aus dem Biomüll, der immerhin 70 Prozent der Abfälle ausmacht, lässt sich Kompost herstellen und gut verkaufen. Das Gleiche gilt für Plastikmüll, der getrennt erfasst und zum Recycling weiterverkauft wird. Informationsangebote für die Bevölkerung im Projektgebiet unterstützen dieses Projekt.

Können Sie uns etwas über den aktuellen Stand des Pilotprojektes sagen?
Im letzten Dreivierteljahr wurde von deutschen und vietnamesischen Experten ein detailliertes Abfallwirtschaftskonzept erstellt. Das bedeutet zum Beispiel, dass verschiedene Varianten der Abfallwirtschaft, wie Verbrennung des gesamten Mülls oder eine getrennte Sammlung, detailliert durchgerechnet wurden, wobei unter anderem der Arbeitsbedarf und die Kosten für eine getrennte Sammlung kalkuliert und durch Umfragen bei potenziellen Abnehmern der Wertstoffe mögliche Erträge ermittelt wurden. Für die gesamte Provinz Long An gibt es nun einen Finanzierungsplan für Investitionen und laufende Kosten. Gleichzeitig wurde mit den Behördenvertretern vor Ort das Modellprojekt detailliert geplant, wie zum Beispiel die Größe des Projektgebietes, Sammelrouten und Bereitstellung der Flächen für die Kompostierung. Auf einer Veranstaltung Ende Februar wurden die Ergebnisse in der Provinzhauptstadt den staatlichen Institutionen, der beteiligten Privatwirtschaft und Vertretern der Bevölkerung vorgestellt und diskutiert. Ergebnis ist, dass von den Stakeholdern dieses Projekt unterstützt und vorangetrieben wird.

Was ist bei der Machbarkeitsstudie im Detail herausgekommen?
Derzeit findet keine Trennung der einzelnen Abfallfraktionen statt. Die Restmüllmenge, die ungeordnet deponiert wird oder in der Umwelt landet, ist vergleichsweise groß. Die Sammelquote beträgt im Mittel nur 67 Prozent. Dabei ist in ländlichen Gebieten die Sammelquote viel niedriger. Dort wird der Müll offen verbrannt, im Garten vergraben oder in die Flüsse und Kanäle des Mekongdeltas geworfen. Das ist einer der Hauptgründe für den marinen Plastikmüll. Zudem gehen von dieser Art Müllbehandlung Gefahren für das Grundwasser aus. Die offene Verbrennung gefährdet auch durch die Emissionen die Gesundheit der Bevölkerung.

Haben Sie herausgefunden, was die Menschen noch motivieren kann, Abfall zu sammeln, zu trennen und gegebenenfalls wiederzuverwerten?
Wertvolle Abfallbestandteile wie Alu- oder Weißblechdosen sowie PET-Plastikflaschen werden von einigen Personen separat von den Haushalten eingesammelt, um mit dem Verkauf der Materialien ein kleines Einkommen zu erzielen. Trotzdem sind noch erhebliche Anteile an wiederverwertbaren Materialien im verbleibenden Abfall enthalten. Es besteht in der Region auch eine große Nachfrage nach Kompost und Kompostprodukten. Dazu muss aber die Qualität des Komposts stimmen! Verunreinigungen der getrennt gesammelten Abfallfraktionen, wie zum Beispiel schadstoffbelastete Batterien oder alte Pflanzenschutzmittelverpackungen, im Kompost sind unbedingt zu vermeiden.

Wie konnten Sie die Entscheidungsträger in Long An davon überzeugen, etwas an der Abfallentsorgung in der Landschaft zu ändern?
Die gute Nachricht aus dem Abfallwirtschaftskonzept ist, dass die Erträge aus der Vermarktung des Komposts und anderer Wertstoffe wie zum Beispiel Plastik voraussichtlich einen großen Teil der Entsorgungskosten decken können. Gleichzeitig werden etliche neue Arbeitsplätze geschaffen.

Wie bewerten Sie das Ergebnis der Machbarkeitsstudie?
Wir sehen dies als ersten erfolgreichen Schritt, da dieses Konzept hinsichtlich der laufenden Kosten betrifft, dieses Konzept kostengünstiger sein kann als die jetzige Praxis, den Müll einfach einzusammeln und in die Landschaft zu werfen. Allerdings sind zusätzlich, um das Konzept in der gesamten Provinz Long An umzusetzen, noch erhebliche staatliche Investitionen notwendig, da der technische und ökologische Standard der Abfallbehandlungs- und -entsorgungseinrichtungen in der Provinz Long An momentan noch sehr schlecht ist.

Und was heißt das jetzt konkret für das Projekt? Wie wird jetzt bei diesen besonderen Herausforderungen vor Ort weiter vorgegangen?
Gemäß unserem Konzept werden in einem Stadtteil der Provinzhauptstadt Tan An die Abfälle auf Haushaltsebene getrennt in drei Fraktionen erfasst: organische Abfälle, Wertstoffe und Restmüll. Durch die separate Sammlung der Wertstoffe verbessert sich die Qualität, sodass für diese Materialien, wie zum Beispiel Altplastik, bessere Erlöse erzielt werden können. Es werden jetzt Sammelbehälter und Sammelkarren beschafft. In einer Müllbehandlungsanlage werden Flächen für die Kompostierung bereitgestellt.

Abfallsammeln auf Haushaltsebene soll also in drei Bereichen besser werden – haben die Maßnahmen dazu vor Ort schon begonnen?
Ja. Nach der Veranstaltung in Tan An am 26. Februar, auf der das Projekt vorgestellt worden ist, finden jetzt die konkrete Planung und Umsetzung der einzelnen Maßnahmen statt. Zunächst werden 4.500 Haushalte an eine getrennte Müllerfassung angeschlossen. Im April dieses Jahres hat ein Treffen mit dem Volkskomitee des Modellprojekt-Stadtteils zu organisatorischen Fragen der getrennten Abfallsammlung, zum Beispiel Bereitstellung von Sammelkarren und Abfallgefäßen, stattgefunden. Am 3. April gab es eine Schulung für 150 Mitglieder der Jugend-Union in Long An über die Auswirkungen von Plastik auf die Umwelt sowie über die Vorteile einer Abfalltrennung. Die Schulung für die Frauen-Union der Provinz fand am 25. April, der Frauen-Union für den Stadtteil des Modellprojektes am 26. April und für weitere Stadtteile von Tan An im Mai und Juni 2019 statt. Parallel werden seit Mai dieses Jahres die Haushalte im Projektgebiet informiert und entsprechend geschult.

Wie ist der weitere zeitliche Ablauf – was ist an Maßnahmen noch geplant?
Die Kompostierung von etwa 1.000 t pro Jahr wird in der zentralen Müllsortierungs- und -verbrennungsanlage in Long An erfolgen. Ab Juni 2019 soll die Fläche für die Kompostierungsanlage bereitstehen. Es wird eine Sortierrichtlinie für Kunststoffe entwickelt, um die Qualität des recycelbaren Materials zu verbessern. Um die Qualität des Komposts zu erhalten und zu erhöhen, soll die getrennte Abfallerfassung gut überwacht werden und es wird Qualitätskontrollen geben. Diese Maßnahmen helfen, die erwarteten Einnahmen zu erzielen. Für die Region und andere Provinzen ist eine erfolgreiche Durchführung dieses Projektes meiner Einschätzung nach sehr wichtig. Es muss überzeugend demonstriert werden, dass durch eine Kreislaufwirtschaft die Umwelt geschont wird und auch finanzielle Erträge generiert werden können. Dazu ist aber eine gute Qualitätssicherung für die einzelnen Maßnahmen unabdingbar.

Wie wollen Sie das Ergebnis der Öffentlichkeit vorstellen?
Ein wichtiger Bestandteil des Projekts ist es, nach dem Projektbeginn die Ergebnisse des Pilotvorhabens weiterzuverbreiten. Dazu wird eine Informationsplattform des Projekts geschaffen, um erfolgreiche Ergebnisse und Erfahrungen über TV, Radio, Website des Volkskomitees und Zeitungen an Entscheidungsträger, aber auch an interessierte Parteien wie Schulen und Nichtregierungsorganisationen zu verbreiten.

Kaldewei ist in Deutschland das erste Unternehmen, das sich für den Meeresschutz in diesem Maß engagiert – wie sehen Sie die Rolle der Wirtschaft beim Kampf gegen Plastikmüll?
Durch die Unterstützung von Kaldewei wird ein wichtiger Beitrag zur Verminderung des Eintrags von Plastik in unsere Weltmeere und somit zum Natur- und Umweltschutz im Allgemeinen geleistet. Unternehmen, die sich wie Kaldewei für den Meeresschutz engagieren, ermöglichen es uns erst, solche Projekte schnell auf die Beine zu stellen. Ohne Unterstützung von jedem Einzelnen und besonders der Wirtschaft werden wir dieses globale Umweltproblem nicht lösen können. Die Verursacher von Plastikmüll müssen weltweit Verantwortung für die Entsorgung übernehmen, zum Beispiel indem Konsumgüterhersteller auf der ganzen Welt, wie in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern auch, über Abgaben die Sammlung und Sortierung von Verpackungsmüll sowie Verbraucher über Gebühren für die regelmäßige Leerung von Bio-, Papier- und Restabfallbehältern die Verwertung von Abfällen und Wertstoffen mitfinanzieren.

Herr Dr. Bauske, vielen Dank für das Interview und den umfassenden Einblick in das laufende Mekongdelta-Projekt.

 

Quelle: Franz Kaldewei GmbH & Co. KG. Beleg erbeten.

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Dr. Bernhard Bauske, Experte für Meeresmüll beim WWF Deutschland, warnt davor, dass wir ohne Unterstützung jedes Einzelnen und besonders der Wirtschaft das globale Umweltproblem nicht lösen können. Die Verursacher von Plastikmüll müssen weltweit Verantwortung für die Entsorgung übernehmen.

Bildquelle: © WWF  |  12_1_Kaldewei_WWF_Dr_Bernhard_Bauske

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Dr. Bernhard Bauske, Experte für Meeresmüll beim WWF Deutschland, besichtigt Deponien im vietnamesischen Long An. Nur 14 Prozent des Plastikmülls in Vietnam werden recycelt, der Rest landet auf Müllhalden oder ohne Behandlung direkt in der Umwelt und schließlich über die zahlreichen Flüsse Vietnams häufig im Meer.

Bildquelle: © WWF  |  12_2_Kaldewei_WWF_Dr_Bernhard_Bauske_Mekong